Meine Bachelorarbeit und ich

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Ich weiß jetzt, was die Leute gemeint haben, als sie sagten, dass die Phase, in der man sein Studium beendet, sich wie die deprimierendste und einsamste Zeit des Lebens anfühlt. Ich dachte immer, die übertreiben. So schlimm kann das ja nicht sein, eine Bachelorarbeit zu schreiben. Man arbeitet auf sein großes Ziel hin, das muss doch eigentlich eher ermutigend und motivierend als deprimierend sein.

Und jetzt sitze ich hier, vor meiner Bachelorarbeit, nichts als Leere in meinem Kopf, und ich denke tatsächlich darüber nach, ob es für den ersten Drink noch zu früh ist.

Ich glaube, wenn man einer von denen ist, die sich Zeit nehmen, die eine Struktur im Kopf haben, die nicht erst auf die letzte Minute alles geben, sondern schon Monate zuvor, dann hat man es vielleicht leichter. Aber so bin ich nicht. Wenn ich vier Monate Zeit habe, kannst du dir sicher sein, ich nutze drei Monate fürs Sorgenmachen und gebe dann erst im letzten Monat Gas. So auch dieses Mal.

Meinen Nebenjob durfte ich einen Monat pausieren, um mich nur auf die Bachelorarbeit konzentrieren zu können. An sich eine clevere Entscheidung, die aber dafür sorgt, dass sich das Ganze noch mehr danach anfühlt, als bestünde das Leben nur noch aus dieser einen, riesigen und vermeintlich unlösbaren Aufgabe. Als würde man nur noch daheim, auf diesem einen Stuhl, an diesem einen Tisch, vor seinem Computer hocken und auf Erlösung warten, die man sich nur selbst verschaffen kann. Genau das ist es, was mich maximal verunsichert: Dass man sein Schicksal – diesmal wirklich, in mündiger Erwachsenenmanier – zu 100% selbst in der Hand hat.

Alle sprechen vom Endspurt, von der heißen Schlussphase, die sich für mich aber weniger heiß als kalt und matt anfühlt. Statt Euphorie verspüre ich Selbstzweifel, statt einem Lächeln trage ich Jogginghosen und statt dem Licht am Ende des Tunnels bringen mich multiple Tassen Kaffee durch den Tag. Ich schreibe meine Bachelorarbeit im nassen, grauen, Januar und kann somit auch die Terrasse als sonnenbeschienene Oase der Inspiration völlig knicken. In der Bib hab ich mich genau ein Mal blicken lassen – die Massen an fleißigen Studenten, die, konzentriert in ihrem Material versunken, nervös mit ihren Kulis klickten, machten mich eher wahnsinnig, als dass sie mich motivierten. Und so blieb am Ende nur der Esszimmertisch, auf dem sich jetzt seit Wochen meine Bücher türmen und einfach nicht weniger zu werden scheinen.

Was allerdings deutlich weniger wird, sind die Essensvorräte in meinem Kühlschrank. Die Zeit zum Einkaufen fehlt sowieso und wenn dann auch noch das Essen zuneige geht, bleibt eigentlich nur noch der Pizzabote, der auf Dauer das Konto ganz schön mau aussehen lässt.

Auch, wenn ich absolut keine Ahnung habe, wie sie das macht, bringt die Bachelorarbeit irgendwie still und heimlich eine riesige Portion Verzweiflung mit sich, einen Eimer voll sozialer Inkompetenz und eine Stoppuhr, die die Zeit doppelt so schnell verschlingt wie sonst. Ich komme mir mehr und mehr vor wie eine absolute Fachidiotin und habe das Gefühl, die hochtrabende Sprache aus meiner Bachelorarbeit schon in alltäglichen Gesprächen anzuwenden, von denen ich zugegebenermaßen aktuell nicht allzu viele führe. Auch weigere ich mich aktuell noch vehement, Nachtschichten zu schieben, auch wenn ich vermute, dass meine Standhaftigkeit bald zu bröckeln beginnen und die Nachtarbeit ihre langen Finger nach mir ausstrecken wird. Ich glaube, es wird Zeit, in den nächsten Supermarkt zu rennen und mich mit einem Jahresvorrat Mate einzudecken – geschmacklich definitiv eine bessere Wahl als Energydrinks.

Meine Pläne für die Zeit nach der Abgabe schwanken irgendwo zwischen Unternehmungen mit rehabilitierten sozialen Kontakten und zwei Wochen Netflix in Dauerschleife, wobei ich mir im zweiten Szenario eigentlich die Chips sparen sollte, denn auch davon hatte ich in den vergangenen Wochen eindeutig zu viele. Oh, ich habe mein Bett vergessen – sowieso mein Wunschkandidat.

Ich überlege regelmäßig fieberhaft, ob es etwas gibt, was mich antreibt. Die rosigen Aussichten danach, die neu gewonnene Freizeit, die Möglichkeit auf einen tollen Job, oder oder oder. Ja, klingt alles zu schön, um wahr zu sein, ändert aber nichts daran, dass die jetzige Situation mit ihrem riesigen Haufen Arbeit einfach nur mühsam und ätzend ist und kein Ende zu nehmen scheint. Das einzige, was mir jetzt schon zumindest den Ansatz eines Lächelns aufs Gesicht zaubert, ist der Gedanke daran, das blöde, gedruckte Ding in der Hand zu halten, es in der Uni aufs Pult zu pfeffern und einen Abgang zu machen, der sich gewaschen hat.

Hoffentlich hab ich vorher wenigstens noch die Zeit, ein nettes Fläschchen kaltzustellen.

Foto by André

 


2 Gedanken zu “Meine Bachelorarbeit und ich

  1. Ich hoffe, du findest deinen Antrieb. Ich habe ehrlich gesagt nicht sehr viel Mühe in meine Bachelorarbeit gesteckt, allerdings habe ich dann auch noch den Master dran gehangen. Die Masterarbeit macht ja 25 % der Note aus – das war einschneidender.^^ Viel Erolf dir!

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